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Wachheit und Entwicklung in unsicheren Zeiten

2016 wurde auf der Berlinale der schwedische Dokumentar-Kurzfilm „Hopptornet“ („Sprungturm“) gezeigt. Der Regisseur bat 67 Freiwillige ins Schwimmbad. Sie sollten auf den 10 Meter Turm steigen, bis zur Kante vorgehen und dann selbst entscheiden, ob sie springen oder nicht. Dieser Kurzfilm zog mich gleich in seinen Bann – zu beobachten, was an der Kante des 10 Meter Bretts bei verschiedenen Menschen geschah. Genau an der feinen Linie zwischen Wagnis und Sicherheit schien sich das Leben in konzentrierter Form zu manifestieren. Etwas macht ganz wach und fasziniert.

Die Zeit hat es mal in einem Artikel ganz trefflich formuliert:
“In Wirklichkeit ist die vordere Kante der 10-Meter-Plattform die Grenze zwischen widerstreitenden Mächten. Sie trennt Nichtspringen und Springen, festen Boden und freien Fall, Ordnung und Chaos. Schmach und Stolz, Verlieren und Gewinnen, Ausgelachtwerden und Angeben. Strafe und Belohnung.(…)“Edgework“ nennt die Sozialwissenschaft eine Grenzerfahrung wie den Sprung vom Zehner. Man arbeitet sich im Wortsinne an der Kante (edge) ab.“ (Zeitartikel)

Der Film ist in 15 minütiger Länge auf YouTube zu sehen. 

Was genau ist das für ein Moment, wo die widerstreitenden Mächte aufeinandertreffen? Wie können wir an dieser Grenze Entscheidungen treffen? Bewahre ich Vertrautes oder weite ich meinen Horizont? Setze ich eher auf Risiko oder lieber auf Sicherheit? Was genau passiert an der Grenze „dazwischen“ – an der Kante? Anerkenne ich die Angst als wertvollen Schutzmechanismus oder gehe ich mit der Angst? Was macht diesen Punkt , der scheinbar wie „dazwischen“ liegt eigentlich aus und was hat dies mit unserer Comfortzone zu tun? Ist eine immer wieder auftauchende Unsicherheit etwas, was zu unserem Leben dazugehört oder etwas was es zu überwinden gäbe?

Diese Fragen beschäftigen mich immer wieder und gerade wieder aktuell. 

 Was mich an dem Sprungturmbeispiel wirklich interessiert ist weniger wie eine Entscheidung letztendlich getroffen wird – also springen oder lieber nicht – als mehr was in den Momenten geschieht, wo wir an den vermeintlichen „Kanten“ in unserem Leben stehen. Durch Lebenseinbrüche, Veränderungen oder anderen Übergängen finden wir uns oftmals unvermittelt an diesen „Kanten“ wieder. Meistens sind es eben unsichere Situationen. Unsicher deswegen, da sie ungewohnt und unberechenbar erscheinen. Oder manchmal auch überwältigend und überfordernd. Ich finde ja Überforderung ist oftmals ein hilfreicher Indikator dafür, mehr Raum, mehr Entschleunigung in sein Leben einzuladen.

Vielleicht ist es gerade wertvoll diese „KantenMomente“ ernst zu nehmen, etwas innezuhalten und mit diesem Zustand zu sein. Ein kleines Stück weit. Sich selbst wahrnehmen, was eigentlich wirklich gerade geschieht. Wir machen es uns also auf dem methaphorischen Sprungbrett bequem. Wir setzen uns dort einfach hin und schauen: Wie geht es mir hier? Das heißt ersteinmal gar nichts großartig zu tun, kein Druck sich in irgendeine Richtung bewegen zu müssen.

 

 Denn für eine Entscheidung und Bewegung braucht es ja jemanden der entscheidet. Und wer sollte auch entscheiden, wenn ich mich gar nicht selbst wahrnehmen kann und nicht im Kontakt mit mir bin?

Jetzt heißt es innehalten – man spricht ja auch von Besonnenheit. Ein schönes Wort finde ich übrigens: be-sonnen. Sich selbst zuwenden. Aufmerksamkeit dorthin geben, was gerade lebendig ist, was sich gerade zeigt, an der „Kante“. Eine der Situation angemessenen Handlung wird daraus ganz natürlich erwachsen – davon bin ich überzeugt. Ich finde allein diese „KantenMomente“ bergen einige Chancen. Was auch immer das ist. „KantenMomente“ machen mich wach. Und Wachheit finde ich elementar in unsicheren Zeiten.

Also: Springst Du schon oder überlegst Du noch?

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