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Senjo und ihre Seele sind getrennt

Senjo war die geliebte Tochter von Chokan. In ihrer Kindheit spielte sie mit ihrem Cousin Ochu, und Senjos Vater neckte die beiden damit, dass sie miteinander verlobt seien. Sie glaubten ihm und verliebten sich später ineinander. Als ihr Vater ihr sagte, sie würde einen anderen Mann heiraten, brach es beiden das Herz.

Ochu verließ vor der Hochzeit das Dorf in einem Boot. Als er aufbrach, sah er eine Gestalt am Ufer entlanglaufen, die ihn rief. Es war Senjo. Voller Freude schloss sie sich ihm an, und sie reisten an einen weit entfernten Ort, wo sie heirateten und zwei Kinder bekamen.

Fünf Jahre vergingen, und Senjo sehnte sich danach, ihre Eltern wiederzusehen und sie um Vergebung zu bitten. Sie reisten zurück in ihr Dorf, und Ochu suchte ihre Vater auf, erzählte ihm ihre Geschichte und entschuldigte sich für sie beide. Chokan fragte Ochu erstaunt: „Von welchem Mädchen redest Du?“ „Von Deiner Tochter Senjo“, erwiderte Ochu.

Chokan sagte: Von meiner Tochter Senjo? Seit Du das Dorf verlassen hast, liegt sie krank im Bett und kann nicht sprechen.“ Daraufhin holte Ochu Senjo vom Boot.

Als sie sich der Haustür der Eltern näherten, stand Senjo, die krank gewesen war, lächelnd vom Bett auf. Und als die beiden Senjos voreinander standen, verschmolzen sie zu eine Person.

Senjo sagte: „ ich sah, wie Ochu fortging, und in der Nacht träumte ich, dass ich hinter seinem Boot herlief. Aber jetzt kann ich nicht mehr sagen, wer ich wirklich war – diejenige, die mit dem Boot wegfuhr, oder diejenige, die zu Hause blieb.“

Später fragte Zen-Meister Wuzu:

„Senjo war von ihrer Seele getrennt. Welches war die wirkliche Senjo?“

 

Volksmärchen aus China, gefunden in dem schönen Buch „Das verborgene Licht“

Wieviele fühlen diese gespaltenen Seelen in ihrer Brust, sei es durch traumatisierende Erfahrungen, einem Schutzbedürfnis oder einfach, weil die Herausforderung allen inneren und äußeren Anteilen genüge zu kommen überfordern würde. Ist die Überforderung groß, dann ist es intelligent, sich zeitweise abzutrennen. So wie bei einem Säugling, wenn zuviel Reize auf ihn einströmen schläft er einfach ein. Oder man wird als Erwachsener krank, so wie Senjo in der Geschichte. Doch was tun, um nicht krank werden zu müssen?

Vielleicht geht es erst mal darum, die Abspaltung als eine intelligente Schutzfunktion anzuerkennen. Als etwas, das einfach notwendig war oder vielleicht auch immer noch notwendig ist. Um so länger ich mit Menschen gestalttherapeutisch arbeite erfahre ich wie grundlegend es ist, die Grenze oder auch die Abspaltung zu er-spüren, darauf zu achten und vor allem diese vor sich selbst zu würdigen. Ich halte es wirklich für eine intelligente und gesunde Weise, sich abzugrenzen.

Denn eigentlich ist ja die Frage: was genau wird da eigentlich geschützt?

Die Geschichte berührt mich und inspiriert mich. Hier findet eine unmittelbare Begegnung mit dem Leben und all seinen zerbrochenen Anteilen statt – Mit einem aufrechten und würdevollen Lächeln. Kein Lächeln, was den Schmerz wegnehmen möchte oder gar aufgesetzt wäre – nein, ein Lächeln, das freundlich ist, willkommen heißt – offen und sanft zugleich. Sanft-mutig-sein. Sanft-mutig in Begegnung mit den zerbrochenen Anteilen in sich selbst.  Den Anteilen zuwenden, die lange allein gelassen waren und die nach liebevoller Aufmerksamkeit rufen. Auf eine liebevoll wohlwollende Weise. Konfrontation und Druck haben wir eh schon genug, oder?

Gleichzeitig kostet es viel Energie den alten Schutz aufrecht zu erhalten, zudem steuert es die Entscheidungen die man in seinem Leben trifft. Irgendwann ist der Zeitpunkt da und eine Begegnung zwischen den Anteilen könnte möglich werden. Senjo spürte das und fuhr zu ihrem „zurück gelassenen Anteil“ ihrer selbst. Meist kommt dieser Zeitpunkt von ganz allein, ohne Druck und ohne Kontrolle, eher wie ein innerer Ruf, ein starkes Bedürfnis. Das verloren gegangene wird spürbar, kommt nah, wird bewusst – so als wird einem klar, etwas ist nicht vollständig gewesen. Diese Lücke wahrzunehmen kann schmerzhaft sein und braucht einen wirklich sicheren, stabilen und geschützten Raum – manchmal eine Begleitung.

 

„ Der Mond hinter den Wolken ist immer derselbe; Berge und Täler sind getrennt voneinander. Alle sind gesegnet. Alle sind gesegnet. (…)“ (aus dem Zen*)

Eine Erfahrung, die Trost spendet finde ich, eine, die Begegnungen wie Senjo in der Geschichte zulassen kann, immer wieder, bis Vertrauen wächst – langsam – manchmal auch ganz langsam – so wie es eben gut ist.

Es geht um die Begegnung. Es heißt: Und als die beiden Senjos voreinander standen, verschmolzen sie zu einer Person. Durch ein sanftmütiges Lächeln konnten sie aufeinander zugehen. Ein Wiedererkennen in sich selbst. Ein inniger, wohliger Raum, wo Menschlichkeit, ja Verletzlichkeit Platz findet.

Und dann?  Einfach damit da sein.

Damit meine ich nicht nur die emotionale Verletzlichkeit, sondern die menschliche – eine die den Kern betrifft. So wie es Senjo betrifft. Beide Senjos. Sie sind nicht eins und nicht zwei –

Im SANDOKAI einem alten und essentiellen Text im Zen heißt es: „Licht und Dunkelheit sind nicht eins, nicht zwei, wie der vordere und der hintere Fuß beim Gehen. (…) wie zwei Pfeile, die in der Luft aufeinander treffen.“

Das hat was beruhigendes finde ich. 

Was unterstützt Dich wirklich darin, Dich Deinen lebendigen Anteilen zuzuwenden, ihnen zu begegnen, ihnen sanft zuzulächeln?

„ Der Mond hinter den Wolken ist immer derselbe; Berge und Täler sind getrennt voneinander. Alle sind gesegnet. Alle sind gesegnet. (…)“ (aus dem Zen*)

Eine Erfahrung, die Trost spendet finde ich, eine, die Begegnungen wie Senjo in der Geschichte zulassen kann, immer wieder, bis Vertrauen wächst – langsam – manchmal auch ganz langsam – so wie es eben gut ist.

Es geht um die Begegnung. Es heißt: Und als die beiden Senjos voreinander standen, verschmolzen sie zu einer Person. Durch ein sanftmütiges Lächeln konnten sie aufeinander zugehen. Ein Wiedererkennen in sich selbst. Ein inniger, wohliger Raum, wo Menschlichkeit, ja Verletzlichkeit Platz findet.

Und dann?  Einfach damit da sein.

Damit meine ich nicht nur die emotionale Verletzlichkeit, sondern die menschliche – eine die den Kern betrifft. So wie es Senjo betrifft. Beide Senjos. Sie sind nicht eins und nicht zwei –

Im SANDOKAI einem alten und essentiellen Text im Zen heißt es: „Licht und Dunkelheit sind nicht eins, nicht zwei, wie der vordere und der hintere Fuß beim Gehen. (…) wie zwei Pfeile, die in der Luft aufeinander treffen.“

Das hat was beruhigendes finde ich. 

Was unterstützt Dich wirklich darin, Dich Deinen lebendigen Anteilen zuzuwenden, ihnen zu begegnen, ihnen sanft zuzulächeln?

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